Appointment with... Prof. Christian Reiter
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Prof. Christian Reiter ist Physiker und seit vielen Jahren eng mit der kerntechnischen Forschung an der TUM verbunden. Nach dem Diplom und der Promotion an der Forschungs-Neutronenquelle Heinz Maier-Leibnitz (FRM II) vertiefte er als Leiter der Reaktorphysik seine Expertise in Reaktordesign und Simulationen für den Reaktorbetrieb. Seine transdisziplinäre und internationale Ausrichtung führte ihn unter anderem als Adjunct Professor an die McMaster University in Hamilton, Ontario/Kanada. Zum 15. Oktober 2025 wurde er als Professor für Angewandte Kerntechnologien an die TUM School of Engineering and Design berufen. Wir sprachen mit ihm über Kompetenzerhalt in der Kerntechnik, Reaktorkonzepte, Nuklearmedizin und Tritiumproduktion für die Fusionsenergie der Zukunft.
ED: Wie sind Sie zu dem geworden, der Sie sind?
Prof. Christian Reiter: Ich habe mich schon früh für Mathematik und Physik begeistert. Mein Vater ist Astrophysiker, ein naturwissenschaftliches Studium lag damit nahe. Mathematik war mir zu abstrakt, also habe ich Physik gewählt. Bis zum Diplom wusste ich allerdings nicht so recht, in welches Forschungsgebiet es mich ziehen wird.
Über die Vorlesung Reaktorphysik bin ich zur Brennstoffgruppe am Forschungsreaktor FRM II gekommen, die sich mit der Umrüstung des Reaktors beschäftigt hat. Das war mein Einstieg in die Kerntechnik. Die Diplomarbeit zur Brennstoffentwicklung war experimentell angelegt, für meine Promotion wollte ich die andere Seite kennenlernen: Simulationen von Reaktoren, Störfallszenarien und Transienten, also zeitabhängige Szenarien. Speziell für Forschungsreaktoren, wie dem FRM II, ist das sehr interessant. Spätestens da bin ich zum „Nuklear-Nerd“ geworden. Mich fasziniert das breite Spektrum wissenschaftlicher Fragestellungen, die mit Forschungsreaktoren untersucht werden können: von Simulationen über Regulatorik bis hin zur angewandten Arbeit am Reaktor mit direktem Bezug zu den Herausforderungen unserer Gesellschaft.
Wie haben Sie sich nach Deutschlands Ausstieg aus der Kernenergie umorientiert?
Ganz generell vorneweg gesagt: Ich finde die Grundlagenforschung in der Kerntechnik immens wichtig, denn sie deckt die komplette Bandbreite an Hochtechnologie ab, die für die Herausforderungen unserer Welt relevant sind. Mich persönlich hat der Ausstieg aus der Kernenergie getroffen. In meinen Vorlesungen blende ich das aber aus und möchte den Studierenden das Fundament dieser Technik vermitteln. Es ist völlig in Ordnung, Kernenergie nach der Vorlesung immer noch abzulehnen. Das fundierte Wissen um Möglichkeiten und Grenzen sollte dann allerdings vorhanden sein, um qualifizierte Entscheidungen über deren Einsatz, etwa zurElektrizitätserzeugung, zu treffen.
Der Ausstieg aus der Kernenergie hat massive Folgen für die Forschung, mit denen wir jetzt umgehen müssen: Die themengebundenen Drittmitteltöpfe werden kleiner, die Themen eingeschränkter. Nach wie vor bilden wir an der TUM jedoch die Fachleute aus, die den Forschungsrektor auch zukünftig betreiben und weiterentwickeln. Eine weitere Konsequenz der Folgen des Ausstiegs ist, dass wir uns stärker international auszurichten und mit Partnerorganisationen bzw. -universitäten zusammenschließen, um als größere Einheit erfolgreich zu sein. Damit können wir uns in Lehre und Forschung vielseitiger aufstellen.
Sie konnten an der TUM in langjähriger Tätigkeit schon lange mit einem breiten Spektrum an Forschungsthemen in der Kerntechnologie engagiert. Welche Forschungsprojekte leiten Sie derzeit?
Zunächst einmal: Die TUM ist in Deutschland die Universität mit dem größten Potenzial für Kernforschung. Und Kerntechnik ist viel mehr als Stromproduktion. Ein Großkraftwerk wirft 60 Prozent seiner Wärme einfach weg – das ist wenig nachhaltig. Gleichzeitig produziert Kernspaltung freie Neutronen, die man vielseitig nutzen kann, von der Archäologie über Biologie und Geowissenschaften bis zur Medizin. Ein zentrales Projekt ist die Umrüstung des FRM II auf niedrig angereichertes Uran. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, denn unser Team entwickelt in einer bestehenden Anlage praktisch einen neuen Reaktor. Dieses Projekt ist zugleich ein einzigartiges Ausbildungsprogramm: Unsere Studierenden und Doktorand:innen übernehmen Arbeiten, die früher Siemens KWU übernommen hat. Sie lernen alles – von den Grundlagen der Kernspaltung bis zur Erstellung genehmigungsfähiger Unterlagen für die Aufsichtsbehörden. Dieses Alleinstellungsmerkmal gibt es nur an der TUM.
Daneben beschäftigen wir uns intensiv mit medizinischen Radioisotopen, beispielsweise Lutetium‑177 zur Krebsbehandlung. Diese radioaktiven Atome binden sich an ein bioaktives Molekül. Die Therapiesubstanz wandert über die Blutbahn direkt zum Tumorgewebe und führt zu einer gezielten Bestrahlung der bösartigen Zellen. Gemeinsam mit dem TUM Klinikum Rechts der Isarund dem Unternehmen ITM Isotope Technologies Munich SE untersuchen wir, warum Therapien bei manchen Menschen besser wirken als bei anderen. Dazu berechnen wir Dosisverteilungen im Tumor und analysieren die biologische Wirksamkeit. Warum funktioniert diese Behandlung bei einem Patienten gut, beim anderen nicht? Wann funktioniert der Transport zu einem Tumor besser oder schlechter? Es ist ein äußerst interdisziplinäres, spannendes Feld, dem sich Forschende in der Reaktorphysik bzw. Kerntechnikwidmen können- und das entwickelt sich derzeit exponentiell im Markt.
Ein weiterer zukünftiger Schwerpunkt ist die Tritium-Produktion für die Fusionsforschung. Für künftige Fusionskraftwerke braucht man enorme Mengen Tritium – viel mehr, als weltweit aktuell vorhanden sind. Wir arbeiten gemeinsam mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) an Konzepten, wie man Tritium in Spaltungsreaktoren effizient brüten und eine eigene deutsche Versorgungsketteaufbauen kann. Um die Größenordnung zu verstehen: Das Tritiumlabor Karlsruhe (TLK) am KIT verfügt momentan über eine Umgangsgenehmigung für 40 Gramm Tritium. Für ein zukünftiges Fusionskraftwerk brauchen wir 100 Kilogramm. Um diese Skalierung zu erreichen, haben wir für dieses Großprojekt zum Jahresanfang einen Verbundantrag eingereicht. Langfristig soll an der TUM eine das TLK ergänzende Tritium‑Kompetenz entstehen, inklusive eigener Infrastruktur.
Auf welche Veränderung hoffen Sie in der Zukunft?
Zunächst für die TUM: Ich wünsche mir, dass die interdisziplinäre Zusammenarbeit weiter zunimmt. Meine Berufung an die TUM School of Engineering and Design war ein Augenöffner – plötzlich wurden viele Dinge pragmatisch und unkompliziert möglich. Dieser „Macher‑Spirit“ tut der Kerntechnologie unglaublich gut. Außerdem hoffe ich auf weniger Bürokratie in unserer Gesellschaft. Viel Energie geht verloren, wenn man digitale Formulare ausdrucken und anschließend wieder scannen muss. Effizientere Abläufe und mehr Personal in der Verwaltung wären sehr hilfreich.
Gesellschaftlich wünsche ich mir eine echte technologieoffene Diskussion. Neue Technologien werden in Deutschland oft reflexhaft mit Bedenken belegt. Beim Thema Fusion wird zuallererst über Regulierung gesprochen, lange bevor überhaupt eine Anlage gebaut ist. Dabei brauchen wir mehr Pragmatismus und die Bereitschaft, Technologien zu verstehen, bevor wir sie bewerten. Gerade bei der Kerntechnik vermisse ich oft eine fundierte Kommunikation. Nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl wurden der Gesellschaft die Ursachen und Hintergründe wenig erklärt, das hat Vertrauen zerstört. Wenn man Menschen von Stammtischniveau bis Expertenlevel abholt, kann man sachlich über Chancen und Risiken sprechen. Nur so entsteht echte Akzeptanz.