„Eine Hand ist ein Leben“ – EnHands bringt Prothesen nach Bangladesch
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Text: Susanne Höcht; Bilder: EnHands e.V.
Von der Entwicklung in München zum Einsatz vor Ort
Was in München in Werkstätten und Entwicklungsumgebungen beginnt, wirkt für viele Menschen weit über den Campus hinaus. Die studentische Initiative EnHands, 2022 gegründet und inzwischen als gemeinnütziger Verein organisiert, entwickelt kostengünstige Handprothesen für Menschen in Ländern mit niedrigen Einkommen. Vor Kurzem reiste ein fünfköpfiges Team nach Bangladesch, um die eigenen Prothesen im Rahmen eines von der Partnerorganisation Naya Qadam organisierten Prothesencamps gemeinsam mit Patientinnen und Patienten anzupassen und unter realen Bedingungen zu evaluieren.
„Wir kennen in Europa vor allem Hightech‑Prothesen. Sie sind technisch beeindruckend, aber für die meisten Menschen weltweit nicht bezahlbar“, erklärt Julia Veloso de Oliveira, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Vorstandsmitglied von EnHands. Ziel des überwiegend aus Studierenden der TUM School of Engineering and Design bestehenden Vereins sei es daher, diese Versorgungslücke durch robuste, einfache und perspektivisch lokal produzierbare Handprothesen zu schließen.
Zusammenarbeit mit erfahrenen Partnern
Möglich wurde der Einsatz durch die enge Kooperation mit der Hilfsorganisation Naya Qadam, die seit mehr als 20 Jahren weltweit Prothesencamps organisiert, bislang vor allem für Beinprothesen. In Bangladesch arbeiteten die Mitglieder von EnHands Seite an Seite mit lokalen Technikern und Ärzten. Während Naya Qadam für die Organisation des Camps, die Patientenauswahl sowie die Anpassung der Prothesenschäfte verantwortlich war, brachte EnHands unterschiedliche Handprothesen mit.
Zum Einsatz kamen zwei kosmetische Prothesenmodelle sowie ein erster funktioneller Prototyp. Eine der kosmetischen Varianten ist eine sehr leichte, 3D-gedruckte Hand ohne aktive Greiffunktion. Daneben entwickelte EnHands eine Silikonhand, die mithilfe von Wärme in verschiedene Positionen gebogen werden kann und dadurch eine eingeschränkte, passive Funktion ermöglicht, etwa zum Halten einfacher Gegenstände.
Ergänzend konnte erstmals ein funktionaler Handprototyp erfolgreich mit einem Patienten getestet werden. Dies stellt einen wichtigen Meilenstein für das EnHands-Team dar.
Insgesamt konnten während des Aufenthalts 14 Menschen mit einer Handprothese versorgt werden. „Wir sind mit keinem einzigen ungenutzten Exemplar zurückgekommen“, sagt Veloso de Oliveira. Viele der betroffenen Menschen leben seit Jahren ohne Versorgung; einige wurden bereits mehrfach vertröstet.
Unerwartete Einsichten vor Ort
Besonders prägend war für das Team das direkte Feedback der Patientinnen und Patienten. Tayyaba Qaisar, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence (TUM MIRMI), begleitete die Reise als Übersetzerin und war maßgeblich an der systematischen Erfassung der Rückmeldungen beteiligt. „Wir sind mit vielen Annahmen angereist und haben gemerkt, dass einige davon nicht stimmen.“
So hatte das Team erwartet, dass realistisch aussehende Silikonhände besonders gefragt sein würden. Tatsächlich entschieden sich viele Patientinnen und Patienten für die einfacheren und leichteren 3D‑gedruckten Hände. Funktion stand dabei oft nicht im Vordergrund. „Für viele war es entscheidend, im Alltag nicht aufzufallen und nicht angestarrt zu werden“, berichtet Qaisar. Eine Hand zu haben, die äußerlich als vollständig wahrgenommen wird, bedeutet Würde, Selbstvertrauen und gesellschaftliche Teilhabe.
Diese Erkenntnisse veränderten den Blick der Ingenieurinnen auf ihre Arbeit grundlegend. Was aus europäischer Perspektive zunächst zu einfach erscheint, kann für andere Menschen bereits einen erheblichen Unterschied im Alltag bedeuten.
Zwischen Technik und Lebensrealität
Neben technischen Herausforderungen, etwa bei der Anpassung an unterschiedliche Amputationshöhen, waren es vor allem die persönlichen Begegnungen, die das Team bewegten. Kinder, die bei Arbeitsunfällen Gliedmaßen verloren haben. Jugendliche, die sich aus Scham zurückziehen. Eltern, die hoffen, dass ihre Kinder mit einer Prothese wieder selbstbewusster am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. „Es war emotional sehr fordernd“, sagt Veloso de Oliveira. „Man möchte mehr helfen, als man kann.“
Auswirkungen für die Weiterentwicklung von EnHands
Die Reise nach Bangladesch liefert nicht nur Eindrücke, sondern auch konkrete Impulse für die Weiterentwicklung der Prothesen. Dazu zählen neue Designprioritäten, feinere Größen‑ und Farbvariationen sowie ein stärkerer Fokus auf Leichtigkeit und Tragekomfort.
„Wir haben jetzt fundierte Daten, direktes Nutzerfeedback und ein deutlich besseres Verständnis für die tatsächlichen Bedürfnisse“, fasst Qaisar zusammen. „Das wird unsere Arbeit langfristig verändern.“
Eine Hand ist dabei mehr als nur eine technische Lösung. Für viele Menschen bedeutet sie neue Selbstständigkeit, mehr Selbstvertrauen und veränderte Perspektiven auf den eigenen Alltag.
Links:
Mehr zum Student Club Enhands: https://enhands.de/