„Man darf Lehre nicht auf Verwaltung reduzieren“
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Zentrale Entwicklungen in Studium und Lehre der ED durch Prodekan Prof. Mark Michaeli
- Aufbau und Weiterentwicklung der Studienorganisation in der School-Struktur
- Neuordnung von Akkreditierungen und Qualitätssicherung der ED-Studiengänge
- Internationalisierung der Masterprogramme
- Verankerung von Kontextkompetenzen im Studium
- Ausbau von Lehrbudgets und Förderstrukturen
- Weiterentwicklung von Studienmodellen und Multi-Campusstrukturen

Mark Michaeli, wenn Sie auf die letzten zehn Jahre zurückblicken: Was war die größte Veränderung im Bereich Studienorganisation?
Die größte Zäsur war der Übergang von den Fakultäten zur School. Das hat tatsächlich alle Arbeitsprozesse verändert – und vor allem die Art, wie Entscheidungen getroffen werden. Man musste sich plötzlich damit auseinandersetzen, dass andere Fächer ganz unterschiedliche Lehr- und Entscheidungskulturen haben.
Das war für mich eine enorme Bereicherung, gleichzeitig aber auch eine echte Herausforderung. Denn man kann in so einer Situation nicht einfach sagen: Wir standardisieren jetzt alles. Viele dieser Strukturen sind über lange Zeit gewachsen, teilweise über Generationen hinweg. Das muss man ernst nehmen. Ich glaube, es ist uns gelungen, gemeinsame Ziele zu entwickeln, ohne diese gewachsenen Kulturen zu überfahren.
Wie hat sich die Lehre in dieser Zeit verändert – und was bedeutet das für die Zukunft?
Die Lehre hat sich stärker verändert, als man auf den ersten Blick denkt. Natürlich arbeiten wir heute viel mehr mit digitalen Tools – das ist in vieler Hinsicht ein Gewinn. Gleichzeitig hat es aber auch Verschiebungen gegeben: bei den Erwartungen, bei der Art zu lernen und bei der Frage, wer eigentlich Verantwortung für den eigenen Lernprozess übernimmt.
Ein entscheidender Moment war die Pandemie. Der Online- bzw. Hybridunterricht, den wir damals sehr schnell einführen mussten, hat den klassischen Präsenzunterricht nachhaltig infrage gestellt – und das wirkt bis heute nach. Studierende kommen inzwischen nur noch dann in Präsenz, wenn sie einen echten Mehrwert sehen. Genau da liegt die Herausforderung. Nicht nur didaktisch, sondern auch organisatorisch. Es gibt Formate wie Projektarbeit, Studios oder Praktika, die ohne Präsenz kaum funktionieren, weil sie vom gemeinsamen Arbeiten leben. Diese Formen lassen sich nicht einfach digital ersetzen; sie brauchen einen Ort, an dem Inhalte gemeinsam verhandelt werden.
Die Multi-Campus-Struktur der ED mit Garching, Münchner Innenstadt, Ottobrunn und Weihenstephan stellt die Lehre dabei vor zusätzliche Herausforderungen. Der Austausch wird schwieriger, wenn Standorte auseinanderliegen. Auch bestehende Verbindungen zwischen Fächern lassen sich nicht mehr so selbstverständlich aufrechterhalten. Umso wichtiger ist es, an allen Standorten verlässliche Lehrangebote und Räume für Zusammenarbeit zu sichern.
Gleichzeitig müssen wir viel bewusster entscheiden, wo Präsenz notwendig ist und wo nicht. Das betrifft die Gestaltung von Studiengängen genauso wie Stundenpläne, Raumkonzepte oder Prüfungsformate.
Schließlich kommt mit der Künstlichen Intelligenz ein Thema hinzu, das den Lernprozess selbst verändert. Wenn Aufgaben zunehmend von KI übernommen werden, fällt oft genau der Teil weg, durch den Lernen eigentlich entsteht – das eigene Üben. Deshalb wird es künftig weniger darum gehen, ob wir diese Technologien nutzen – das werden wir ohnehin –, sondern wie wir sie einsetzen. Ich halte es für entscheidend, sie reflektiert zu nutzen. Nicht nur Ergebnisse zu erzeugen, sondern zu verstehen, wie sie entstehen. Sonst laufen wir Gefahr, dass wir irgendwann verlernen, Qualität überhaupt noch beurteilen zu können.
Bitte vervollständigen Sie den Satz: „Gute Lehre ist für mich…“
… wenn Studierende am Ende sagen: Ich habe wirklich etwas mitgenommen.
Dafür braucht es als Lehrende:r eine Balance aus Nähe und Distanz. Man muss sich auf Studierende einlassen, gleichzeitig aber in einer professionellen Rolle bleiben, um auch klar sagen zu können, wo noch mehr möglich ist.
Was gute Lehre darüber hinaus braucht, ist vor allem Verlässlichkeit. Lehre ist kein System, das man kurzfristig umsteuern kann. Ich vergleiche das gerne mit einem Tanker: Der fährt weiter, auch wenn man den Motor abstellt – und wenn man gegensteuern will, kostet das enorm viel Energie. Deshalb sind kurzfristige Eingriffe schwierig. Es braucht Planung, ein gemeinsames Verständnis und die Freiheit, Dinge gestalten zu können. Diese Freiheit ist zentral – aber sie ist keine Freiheit zur schlechten Lehre. Und man darf Lehre nicht auf Verwaltung reduzieren.
Sie haben in Ihrer Zeit als Prodekan viele strukturelle Veränderungen angestoßen und umgesetzt. Welche waren Ihnen besonders wichtig?
Ein zentraler Punkt war die Internationalisierung – nicht nur im Sinne der Sprache, sondern als kulturelle Öffnung besonders im Bereich der Masterstudiengänge der ED.
Dann das Kontextstudium, also die Möglichkeit für Studierende, sich bewusst mit gesellschaftlichen, politischen oder ethischen Fragen inner- und außerhalb ihres Fachs auseinanderzusetzen. Und schließlich flexiblere Studienstrukturen, etwa in Richtung Major-Minor. Das ist ein längerer Prozess, aber ich glaube, dass wir damit perspektivisch individuelleres Studieren ermöglichen.
Welche Rolle spielen solche Kontextkompetenzen für Studierende in den Ingenieur- und Gestaltungsdisziplinen?
Ich halte sie für zentral, denn Kontextkompetenzen bedeuten, dass man das eigene Fach nicht isoliert betrachtet, sondern in größere Zusammenhänge einordnet. Welche Auswirkungen hat das, was ich entwickle? Wer profitiert davon, wer nicht? Wie entstehen Entscheidungen?
Gerade bei Themen wie Nachhaltigkeit reicht es nicht, nur technisch gute Lösungen zu entwickeln. Man muss auch verstehen, wie diese Lösungen eingeordnet und gesellschaftlich akzeptiert werden. Das funktioniert nur, wenn man über den eigenen fachlichen Tellerrand hinausschaut und genau das versuchen wir mit Formaten wie dem Kontextstudium zu fördern.
Was haben Sie in den letzten Jahren über Studierende gelernt?
Vor allem, wie unterschiedlich sie sind und wie stark sie sich während des Studiums verändern. Eine prägende Erfahrung war für mich die Pandemie. Da wurde sehr deutlich, welchen Stellenwert Studium hat. Es war beeindruckend zu sehen, wie viel Engagement möglich ist, wenn es ein gemeinsames Ziel gibt. Wir haben damals sehr eng mit den Studierenden zusammengearbeitet, um die Studiokultur nicht zu verlieren. Das hat erstaunlich gut funktioniert.
Welchen Rat würden Sie Studierenden heute geben?
Sich nicht von den Regularien verrückt machen lassen. Das Studium ist eine Phase mit besonderen Freiräumen. Diese sollte man nutzen – auch, um Dinge auszuprobieren oder eigene Projekte zu verfolgen. Ich war selbst kein besonders regelkonformer Student und habe mir immer wieder Freiräume gesucht. Rückblickend war genau das entscheidend.
Am Ende geht es nicht darum, alles perfekt zu erfüllen, sondern darum, Probleme zu erkennen – und selbst etwas daraus zu machen.
Sie sind Architekt. Hat dieser berufliche Hintergrund Ihre Arbeit als Prodekan geprägt?
Weniger als Architekt, eher als Städtebauer. Im Städtebau arbeitet man mit einem hohen Maß an Unsicherheit. Man kann Prozesse nicht vollständig kontrollieren, sondern muss überlegen, wie man Bedingungen schafft, unter denen sich ein gutes Ergebnis entwickeln kann. Es gibt einen Satz meines früheren Chefs Prof. Kees Christiaanse: Guter Städtebau ist so gestaltet, dass auch der schlechteste Architekt darin arbeiten kann – und die Stadt ist am Ende trotzdem gut. Dieses Denken hat mir geholfen: nicht nur Zielzustände zu definieren, sondern Mechanismen zu entwickeln, wie sie entstehen. Also Veränderungen so anzulegen, dass sie sich über die Zeit entwickeln – und auch akzeptiert werden.
Nach zehn Jahren im Amt als Prodekan: Fällt Ihnen das Loslassen leicht?
Nein, überhaupt nicht. Die größte Herausforderung wird sein, mich zurückzuhalten und nicht überall bis ins Detail mitreden zu wollen. Jetzt übernimmt aber eine nächste Generation, und das ist auch richtig so.
Gleichzeitig freue ich mich darauf, ab Herbst wieder stärker in die eigene Lehre einzusteigen. Ich werde vieles neu denken müssen. Wahrscheinlich ein bisschen wie am Anfang bei meiner Berufung.
Sie gehen nun in ein Forschungsfreisemester – worauf freuen Sie sich in dieser Zeit am meisten?
Darauf, aus diesem permanenten Takt herauszukommen. Die letzten Jahre waren sehr dicht, mit vielen parallelen Prozessen und einem Arbeitsrhythmus, der wenig mit klassischen Arbeitszeiten zu tun hatte.
Ich freue mich darauf, nicht mehr ständig getrieben zu sein und wieder mehr Zeit zu haben – für Forschung, für Lehre, aber auch für anderes. Es gibt ja tatsächlich noch ein Leben neben der Universität. Vielleicht auch wieder für Dinge, die in meinem Alltag zu kurz kommen – Klavier spielen zum Beispiel oder einfach draußen sein.
Was möchten Sie Ihrem Nachfolger Prof. Fernaß Daoud zum Abschluss mitgeben?
Fernaß Daoud braucht überhaupt keine Tipps von mir. Aber vielleicht so viel: Nicht alles ist vollständig rational – man braucht eine Art Kompass dafür, was in einem System überhaupt möglich ist und eine gewisse Flexibilität in der Umsetzung. Eines kann er sich gewiss sein: Er hat ein tolles Team zur Seite.