Der Meeresspiegel steigt nicht in einem stetigen, allmählichen Tempo, sondern kann sich innerhalb kurzer Zeit deutlich beschleunigen. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Studie eines internationalen Forschungsteams im Rahmen der Sea Level Climate Change Initiative (SLCCI) der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Forschende der Technischen Universität München (TUM) waren maßgeblich an den methodischen Analysen beteiligt.
Das Forschungskonsortium wertete Satellitenaltimetriedaten von den frühen 1990er Jahren bis heute aus. Der Meeresspiegel stieg bis 2011 um etwa 2,9 Millimeter pro Jahr an. Danach stieg die Rate abrupt auf etwa 4,1 Millimeter pro Jahr an, was einer starken Beschleunigung innerhalb von nur ein bis zwei Jahren entspricht. Zwischen 2010 und 2012 nahm die Geschwindigkeit des globalen Meeresspiegelanstiegs plötzlich um rund 40 Prozent zu. Verantwortlich dafür waren vor allem Änderungen in natürlichen Klimamustern, darunter die Pacific Decadal Oscillation (PDO) und die North Atlantic Oscillation (NAO). Diese Prozesse führten dazu, dass zusätzliches Wasser vom Land in die Weltmeere gelangte.
Die TUM-Wissenschaftler Dr. Julius Oelsmann und Dr. Marcello Passaro verwendeten für ihre Forschung die gemeinsam am Deutschen Geodätischen Forschungsinstitut (DGFI-TUM) entwickelte Open-Source-Software DiscoTimes. In der ESA-Studie wurde DiscoTimes zusammen mit der weiteren Softwareplattform Bayesian Estimator of Abrupt Change, Seasonal and Trend (BEAST) eingesetzt. Diese Programme erkennen Abweichungen von linearen Trends in Zeitreihen und damit den Zeitpunkt, an dem sich der Meeresspiegelanstieg plötzlich veränderte. Beide unabhängigen Methoden lieferten übereinstimmende Ergebnisse bei der Identifizierung des Trendwechsels zwischen 2010 und 2012 – ein entscheidender Faktor für die wissenschaftliche Robustheit. „Besonders bedeutend finde ich, dass wir verschiedene Quellen und unabhängige Methoden genutzt haben, um denselben Trendwechsel zu bestätigen. Sowohl unsere Software DiscoTimes als auch das BEAST‑Paket zeigen die gleiche abrupte Veränderung. Das stärkt die Aussagekraft des Ergebnisses“, sagte Dr. Marcello Passaro, wissenschaftlicher Mitarbeiter am DGFI-TUM der TUM School of Engineering and Design.
Break Point sowohl in thermosterischer als auch in massenbedingter Komponente
Die Studie identifiziert einen klaren „Break Point“: einen Zeitpunkt, an dem sich die Entwicklung des Meeresspiegels sprunghaft von den Trends der vorangegangenen Jahrzehnte unterscheidet. Die abrupte Änderung findet sich sowohl in der thermosterischen Komponente des Meeresspiegels (durch Erwärmung bedingte Ausdehnung des Wassers) als auch in der Massenkomponente (Wasserzufluss durch Schmelzen von Gletschern und Veränderungen der Landwasserspeicher). Diese Übereinstimmung verschiedener Datenquellen unterstreicht, wie stark unser Erdsystem auf natürliche Klimavariabilität reagiert – und wie eng diese Prozesse mit dem menschengemachten Klimawandel verflochten sind. „Unsere Studie zeigt eindrucksvoll, wie wichtig internationale Kooperationen und offene, reproduzierbare Analysemethoden sind. Nur wenn wir die unterschiedlichen Komponenten des Meeresspiegels kontinuierlich beobachten, können wir die schnellen Veränderungen im Erdsystem verstehen und den Einfluss natürlicher Variabilität vom menschengemachten Klimawandel unterscheiden“, sagte Dr. Julius Oelsmann, TUM-Wissenschaftler und derzeit Marie-Skłodowska-Curie-Stipendiat an der Tulane University in New Orleans.
Langzeit-Satellitenaufzeichnungen, kombiniert mit modernen offenen Analysewerkzeugen, können abrupte Veränderungen des Meeresspiegels sichtbar machen. Der Meeresspiegel reagiert stärker und dynamischer auf Klimavariationen, als lange angenommen – eine Erkenntnis, die für die Bewertung zukünftiger Risiken in Küstenregionen entscheidend ist.
Link zur Originalstudie (Nature Communications Earth & Environment):
Leclercq L., Oelsmann J., Cazenave A., Passaro M., Jevrejeva S. Connors S., Legeais J.-F., Birol F., Abarca-del-Rio R.: Abrupt trend change in global mean sea level and its components in the early 2010s. Communications Earth & Environment, 10.1038/s43247-025-03149-5, 2026 (Open Access)https://www.nature.com/articles/s43247-025-03149-5