Ist es möglich in sieben Tagen eine Raumstation zu entwerfen? – Interview mit TUM-Studierenden zum Space Station Design Workshop 2026
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Welche Erwartungen hattet ihr an den Space Station Design Workshop?
Marius: Meine Erwartung war, eine Woche lang mit einem Team aus aller Welt an einem coolen Projekt zu arbeiten. Gerade weil das Team größtenteils aus Leuten aus der Wissenschaft oder dem Engineering bestand, fand ich das sehr spannend. Ich hatte auf ein Projekt gehofft, das vielleicht ein bisschen nach Wolkenschloss klingt, aber trotzdem einen technischen Sinn hat und bei dem man wirklich etwas ausprobieren kann. Mir war auch klar, dass die Woche wahrscheinlich ziemlich anstrengend wird. Ich habe damit gerechnet, dass ich am Ende mit coolen Kontakten und einer tollen Erfahrung aus der Woche rausgehe.
Laura: Bei mir war es ähnlich. Primär erwartete ich, coole Menschen kennenzulernen, mit denen man sich gut austauschen kann. Insbesondere weil wir alle aus derselben Fachrichtung kommen. Ich hatte mich eher auf eine Mondbasis eingestellt und wusste, dass es in Richtung Science-Fiction gehen würde. Ich finde aber, dass das Level mit der Aufgabenstellung noch einmal deutlich erhöht wurde. Ich bin auf jeden Fall davon ausgegangen, dass es sehr anstrengend wird.
Aus welchen Studiengängen kamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer? Wie war die Verteilung der Fachexpertise?
Marius: Ich studiere Luft- und Raumfahrttechnik und war für den Workshop im Bereich Systems Engineering eingeteilt. Der Großteil der Teilnehmenden war tatsächlich natur- oder ingenieurwissenschaftlich geprägt. Am weitesten entfernt war eine Person aus der Architektur, bei der es im Projekt mehr um das Design ging. Ein Jurist pro Team war auch vorgesehen, der in meinem Team aber nicht aufgetaucht ist und kurzerhand durch einen weiteren Ingenieur ersetzt wurde. Dementsprechend wurde der Jura-Teil bei uns etwas nachrangig bearbeitet.
Laura: Ich studiere auch Luft- und Raumfahrttechnik und war im Subsystem-Team ISRU. Unsere Aufgabe war es, ein Konzept für die Wertschöpfungskette zu entwerfen. Wir hatten in unserem Team zum Glück noch ein Mitglied aus der Jurafakultät dabei. Das war super wichtig. Durch die Zusammenarbeit mit anderen Studiengängen bekommt man ganz neue Perspektiven und Einblicke, die man als Ingenieurin oder Ingenieur vielleicht nicht auf dem Schirm hat. So konnten wir in der Präsentation auch auf die rechtlichen Grundlagen eingehen. Dadurch haben wir gezeigt, dass wir die gewonnenen Mondprodukte auch rechtlich gesehen so „verkaufen“ können.
Ihr wart zwei Teams und habt trotz gleicher Aufgabenstellung am Ende sehr unterschiedliche Konzepte entwickelt. Bei einem Team ging es primär um Rover, beim anderen um eine Seilbahn. Warum habt ihr euch jeweils für euer Konzept entschieden?
Laura: Ich glaube, entscheidend ist, wie die Menschen im Team geprägt sind. Jeder bringt seine eigenen Präferenzen mit. Einer aus unserem Team hatte zum Beispiel die Idee mit der Seilbahn. Er ist von Tag eins an sehr konsequent drangeblieben, bis wir alle überzeugt waren. Im Vergleich zu den anderen Ansätzen wirkte die Idee sehr innovativ und unkonventionell. Genau das war auch mit der Aufgabenstellung der Fall. Natürlich sahen wir uns trotzdem verschiedene Ansätze an, diskutierten Kompromisse und verglichen Alternativen miteinander.
Marius: Bei Technologien, die so weit in der Zukunft liegen, ist es fast unmöglich, verschiedene Konzepte rein quantitativ miteinander zu vergleichen. Daher lässt sich auch nur schwer sagen, dass ein Ansatz definitiv besser ist als ein anderer. Letztendlich hängt die Entscheidung davon ab, welcher Ansatz sich in der Diskussion durchsetzt. Wir haben auch über stationäre Infrastrukturen wie Förderbänder diskutiert. Am Ende entschieden wir uns jedoch für ein verteiltes System aus mehreren Rovern. Dieses System erschien uns insgesamt zuverlässiger und flexibler.
Der Workshop war nicht nur interdisziplinär, sondern auch sehr international. Wie habt ihr die Zusammenarbeit im Team über die ganze Woche erlebt?
Laura: Ich fand es super unterhaltsam. Bei uns wurde fast nur Englisch gesprochen. Man merkt aber kulturelle Unterschiede, vor allem unter Stress. Spannend waren auch die Gespräche abends: „In Griechenland oder Italien machen wir das so. Warum macht ihr Deutschen das so?“ Sehr süß fand ich die Amerikaner im Team, die extrem darauf bedacht waren, alle ständig zu loben: „You guys are doing amazing!“
Welche Herausforderungen gab es bei der Systemarchitektur und beim Design-Freeze?
Marius: Innerhalb von sieben Tagen durchläuft man gefühlt tausend Iterationszyklen. Am Dienstagmittag dachten wir als Systems Engineers, dass wir ein fertiges Grundkonzept haben. In einer gemeinsamen Runde stimmten alle dem Design zu. Deshalb legten wir einen Design Freeze fest. So konnte jeder mit der Detailarbeit beginnen.
Am nächsten Tag kamen die Kollegen aus dem Power-Subsystem und sagten: „Wenn wir das so bauen, brauchen wir 2.000 Tonnen Batterien für 20 Milliarden Euro.“ Damit begann die Arbeit wieder von vorne. Das komplette Konzept musste deshalb aber nicht neu aufgesetzt werden. Vielmehr passt man einzelne Teile des Designs an und arbeitet sich weiter vor.
Als Systems Engineer muss man dabei harte Entscheidungen treffen. Wann stoppt man jemanden, der sich in Details verliert? Wann sagt man: „Mach eine konservative Annahme, schlag 200 Prozent Sicherheitsmarge drauf und geh weiter“? Manchmal muss man Ideen auch einfach abblocken und klar Nein sagen.
Normalerweise dauert die Phase bis zum Preliminary Design Review bei echten Raumfahrtprojekten mehrere Jahre. Wir mussten diese Phase innerhalb von vier Tagen abschließen. Das ist eine völlig andere Größenordnung.
Was nehmt ihr aus dieser Woche mit, sowohl fachlich als auch persönlich?
Marius: Vor allem hat man ein Gefühl für die echten Größenordnungen, Kosten und die Komplexität eines Mondinfrastrukturprojekts bekommen. Die Sachen, die man in Unikursen lernt, bringen einen schon weiter. Ich habe beispielsweise einiges aus dem Systems Engineering anwenden können. Aber den Prozess wirklich zu durchlaufen ist nochmal was ganz anderes. Mein wichtigstes Learning war eigentlich das Zwischenmenschliche: „Wie führe und manage ich ein Team unter extremem Stress und Zeitdruck?”
Laura: Keine Vorlesung der Welt kann dir beibringen, wie man ein Gruppenprojekt mit 20 Leuten aus aller Welt unter Zeitdruck managt. Fachlich haben mir besonders meine Vorlesungen wie Space Resources geholfen. Aber wenn man echte Werte im Detail berechnen muss, merkt man erst, wie viel mehr Arbeit dahintersteckt. Kommunikation im Team war der Schlüssel, um sich nicht in den Details zu verlieren.
Welche Empfehlungen gebt ihr Studierenden mit, die nächstes Jahr am Workshop teilnehmen wollen?
Laura: Man kann absolut nichts parallel machen. Ich war naiv genug zu glauben, ich könne nebenbei an meiner Masterarbeit schreiben oder kurz ins Labor nebenan gehen. Keine Chance! Aber wenn man Bock darauf hat, ist es eine unglaublich tolle Erfahrung.